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Weil wir anders sind-Kapitel 1
von Lexie (12)
publiziert am 2. Juli 2009

Eulen-Bewertung:

Leere„Du weißt, dass es nicht anders geht“, flüsterte er erstickt. „Nein“, zischte sie. „Er ist ein Kind. Wir werden ihn nicht umbringen, nur weil er zur falschen Zeit an einem falschen Ort war.“ Ihre Stimme klang gefährlich und als sich der Mann vorbeugen wollte, stieß sie ihn brutal zurück. „Ich wollte ihn nur aufheben“, murmelte er. „Na klar“, meinte sie zynisch. Vorsichtig beugte jetzt sie sich über den Jungen und hob ihn schnell auf. „Er braucht Hilfe“, sagte sie und war schon dabei, in Richtung Dorf zu laufen. „Willst du dich mit ihm dort zeigen?“, fragte Peter. Kayla verlangsamte ihren Schritt und blickte über ihre Schulter zurück. „Nein, du hast Recht. Ich werde hier mit ihm bleiben und du besorgst Medikamente“, meinte sie schließlich und ließ sich am Boden nieder, das Kind auf ihrem Schoß. Mit einem knappen Nicken in Kaylas Richtung rannte Peter los und war bald hinter den Bäumen verschwunden.Während er rannte, dachte er nach: Keiner würde auf die Idee kommen, ihn zu fragen, warum er Medikamente brauchte. Obwohl es ungewöhnlich war - solche wie sie wurden nicht verletzt. Niemand konnte sich durch ihre Haut kratzen oder sie verbrennen. Alles an ihnen war anders. Gefährlich anders - die Menschen mieden sie. Und jetzt hatten sie diesen Burschen am Hals, der nicht älter als neun ausschaute. Seufzend blieb Peter stehen und reckte sich. Es war wichtig, den Menschen mit einer furchtlosen Haltung gegenüber zu treten. Langsam schritt er aus dem Wald heraus und zeigte sich. Alle, die halbwegs in der Nähe waren, sahen ihn und hoben die Köpfe. Schnellen Schrittes ging er auf einen Bauern zu, der verängstigt aussah. „Kannst du mir sagen, wo es hier einen Arzt gibt?“, fragte er und seine Frage duldete kein Nein. „Die Straße entlang und dann rechts“, gab dieser mit zittriger Stimme zurück. Dankend lief Peter in die angegebene Richtung. Nur kurze Zeit später war er angekommen. Als er die Arztpraxis betrat, erstarrten alle, so dass er ohne Probleme zum Arzt gehen konnte. „Ich brauche Medikamente, die Wunden heilen und schmerzstillend sind.“ Auch wenn der Angeredete die Stirn runzelte, gab er Peter, ohne zu fragen, die Sachen. So schnell wie möglich rannte Peter zum Wald zurück und sah schon von Weitem, dass es dem Buben schlechter ging. Er lag immer noch auf Kaylas Schoß und atmete rasselnd. Als die Frau ihn bemerkte, schaute sie dankbar auf und nahm sich eines der Medikamente. Schon nach einer Viertelstunde sah man die Besserung. Der Atem des Kindes ging wieder ruhiger und es schlief nun entspannt. „Ist er aufgewacht, als ich weg war?“, fragte Peter. „Nein, er hat die ganze Zeit schlecht geschlafen. Aber ich habe ihm einen Namen gegeben“, meinte Kayla und fuhr fort: „Wir sollten ihn Kai nennen.“ Peter sah nicht begeistert aus, doch er schwieg und setzte sich neben Kayla. So blieben sie eine ganze Weile sitzen, bis auch Kayla eingeschlafen war. Dann hob er alle beide auf und lief in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Er rannte die ganze Nacht durch und als er schließlich eine Pause machte, konnte er nicht einschlafen. Es plagten ihn die Bilder des Kampfes: die angreifenden Bären, das schreckliche Blutbad, als sie Kai trafen, Kayla, die sich auf die Bären stürzte und versuchte, den Buben zu verteidigen, er selbst im Kampf mit drei der schrecklichen Tiere... Er schüttelte fest den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben, doch sobald er die Augen zumachte, kamen sie wieder. Erst als er in einen traumlosen Schlaf gefallen war, entspannte er sich ein wenig.Früh am nächsten Morgen erwachte Kayla. Sie reckte sich und da erst bemerkte sie das Kind auf ihrem Schoß. Aber ihre Gedanken schlossen schnell zu ihr auf und sie wusste wieder alles. Vorsichtig, um Kai nicht zu wecken, legte sie ihn auf den Boden und stand auf. Ihr Magen knurrte, doch sie ignorierte ihn. Was blieb ihr auch anderes übrig? Hier gab es nur Beeren und die wollte sie wirklich nicht. In ihrem Kopf war eine scheußliche Leere, von der sie nicht wusste, woher sie kam. Sie spürte sie schon, seit sie die Bären gestern gesehen hatte. Das war schrecklich gewesen, es war, als hätte sie vergessen zu kämpfen, und dann war sie einfach drauflos gestürzt. Kayla wurde auf sich selbst böse, als sie an den Kampf zurückdachte. Dann betrachte sie den Buben. Sein lockiges Haar war mit getrockneten Blutspuren bedeckt und auch sonst war er sehr dreckig. Als sie sich selbst jedoch anschaute, bemerkte sie, dass sie keinen Deut besser aussah. Nur Peter war wie immer makellos. Selbst nach solchen Kämpfen war er nie oder zumindest sehr selten schmutzig. Seufzend fing sie an, Essen zu suchen. Denn auch wenn sie ihren Hunger zurückhalten konnte, bezweifelte sie, dass der Bub dazu imstande war. Schnell verbesserte sie sich in Gedanken: „Kai.“ Da bewegte sich etwas hinter ihr und als sie sich umdrehte, sah sie Kai, der aufgewacht war. Seine Augen waren noch klein vor Müdigkeit und als er sich aufsetzten wollte, war Kayla schon bei ihm. Verdutzt rieb er sich die Augen und öffnete dann den Mund, um zu einer Frage anzusetzen. „Pst, sei lieber still. Du hast viel durchgemacht und musst dich ausruhen.“ So leicht ließ sich Kai aber nicht abspeisen. Trotzig sagte er: „Ich habe nur Kopfweh. Und wer bist du?“ Er betrachtete Kayla mit unverhohlener Neugier. Freundlich erklärte sie ihm alles, oder zumindest alles, was er wissen sollte. Doch schon nach der Hälfte der Erzählung schlief er wieder ein. Kurz darauf erwachte auch Peter. Mit einem schnellen Satz sprang er auf und schaute sich um. Danach verriet ihn sein Magen, der heftigst knurrte. Verlegen lächelte er Kayla an. Aber sie bedeutete ihm nur sitzen zu bleiben und stand selbst auf. Geschickt zielte sie und traf den Hirsch auch prompt. Sie liebte ihre Pfeile, nichts liebte sie mehr. Plötzlich wurde ihr schwindlig und sie vergaß, was sie gerade getan hatte. Nur wenige Sekunden später war die Leere wieder verschwunden und sie schüttelte die letzten Reste ab. Dann packte sie das Tier und lief zu den anderen zurück. Inzwischen war Kai wieder aufgewacht und saß, an einen Baum gelehnt, aufrecht. Als er Kayla sah, lächelte er. Peter zerlegte den Hirsch und briet ihn dann über dem Feuer. Danach ließen sie es sich schmecken. „Ich heiße übrigens Laus“, sagte der Bub dann auf einmal. Kayla hustete und verschluckte sich an ihrem Essen. „Laus?“, keuchte sie, „Dein Name ist Laus?“ „Ja, aber eigentlich heiße ich Hannes. So haben mich die Anderen genannt.“ „Welche Anderen?“, fragte Peter, da Kayla sich noch immer nicht gefangen hatte. „Na, die aus dem Heim.“ Hannes zog die Augenbrauen hoch und starrte die beiden an. Nach dem Mahl schlief der Bub ein. Er war immer noch geschwächt.„Wohin wollen wir?“, fragte Kayla etwas später, als sie in Richtung Osten unterwegs waren. „Ein paar alte Freunde besuchen. Bei ihnen gibt es Probleme mit...“, sie unterbrach ihn und sprach weiter: „Bären - habe ich Recht?“ Peter nickte. Plötzlich stolperte Kayla und fiel hin. Sofort blieb der Mann stehen, konnte sich jedoch nicht allzu schnell bücken, da Hannes in seinen Armen schlief. „Seit wann stolperst du über deine eigenen Füße?“ Unter dem Spott war er etwas erschrocken. Solche, wie sie es waren, stolperten nicht. Sie bewegten sich selbst dann trittsicher, wenn man nichts sah. „Nichts, habe nur nicht aufgepasst“, meinte Kayla und sprang auf die Füße. Die Wahrheit aber war, dass ihr schon wieder schwindlig geworden war. Und dann wusste sie nicht mehr, wie man ging. Doch sie verdrängte es und legte nur einen Schritt zu. Gemeinsam hasteten sie durch den Wald und trafen bald auf eine Landstraße. „Es sollten uns so wenige Leute wie möglich sehen“, sagte Peter. Beide holten tief Luft und dann rannten sie los. Die Menschen würden sie nur als schwache Schatten sehen. Für diese Geschwindigkeit waren sie zu blind. Trotzdem schauten die aufmerksameren Leute auf und bemerkten einen starken Luftzug, als sie vorbei liefen. Leicht außer Atem kamen sie wieder im Wald an. Hannes schlief immer noch in Peters Armen. Schließlich fragte Kayla: „Wie hast du von den Bären erfahren?“ „Eine Amsel sprach zu mir“, antwortete er. „Ach ja, deine Gabe. Sag mal, kenne ich diese Freunde?“, meinte nun wieder Kayla. „Nein, aber sie sind wie wir.“ Von da an schwiegen sie. Sie liefen die ganze Nacht hindurch und immer wieder musste Kayla aufpassen, dass ihr nicht die Füße wegkippten. Doch immer wenn sie sich Gedanken darüber hätte machen können, schob sie diese Überlegungen schnell fort. Viel später schliefen alle drei unter einem riesigen Baum. Als Peter plötzlich wach wurde, fiel ihm etwas siedend heiß ein: Was sollten sie mit dem Jungen machen? Warum war ihm der Gedanke erst jetzt gekommen? Seine Freunde würden sicher nicht wollen, dass ein kleines Kind dabei war, wenn sie sich die Bären vornahmen. Seufzend sah er den Buben an, der friedlich schlief. Peter wusste nicht, weshalb dieser Bub bei den Bären gelandet war. Doch er wusste noch viel mehr nicht. Fast gleichzeitig wachten sie am nächsten Tag auf. Hannes hatte Hunger und aß sein Stück Hirsch sehr schnell. Wenig später war er wieder eingeschlafen. Kayla wunderte sich ein bisschen. Warum schlief der Junge so viel? Doch dann vergaß sie es und rannte mit Peter weiter nach Osten. Heute fühlte sie sich gut. Niemand würde ihr etwas anhaben können. Sie verspürte das Bedürfnis, laut zu lachen, doch sie verbiss es sich. Kayla lief immer noch schneller als Peter, als sie wieder diese Leere spürte. Nichts schien mehr an der richtigen Stelle und als sie am Boden lag, wusste sie nicht, wie es dazu gekommen war. Peter kniete schon neben ihr und schaute sie besorgt an. „Was ist los?“, flüsterte er. Aber sie schüttelte nur den Kopf und wollte ihn mit einer starken Handbewegung wegstoßen, doch unter ihrer Bewegung erzitterte er nicht einmal. Dann hörte sie sich selbst fragen: „Was ist los?“ Er sah schockiert aus. Kayla lag da und war wahrscheinlich so schwach wie Hannes. Vorsichtig stand sie auf und fing wieder an zu laufen. Peter war so schnell neben ihr, dass sie ihn nicht bemerkte.Auf alle Fragen von Peter antwortete sie nicht. Wie auch? Sie wusste selbst nicht, was los war. Sie wusste gar nichts, wurde ihr bewusst.Es war Nacht. Überall um sie herum war es stockdunkel und nur manchmal wurde die Stille von dem Flitzen einer Maus unterbrochen. Kayla lag da mit offenen Augen und versuchte einzuschlafen. Mit einem Lächeln im Gesicht betrachtete sie Hannes. Er war ihr ans Herz gewachsen. Danach sah sie Peter an. Dieser schlief unruhig und wälzte sich von einer Seite zur anderen. „Hoffentlich macht er sich keine Sorgen um mich“, dachte sie. Dann setzte sie sich auf. Vor ihr saß auf einmal ein Hase. Sie wollte sich vorbeugen und ihn streicheln, doch er hüpfte zwei Schritte zurück. Vorsichtig lehnte sie sich weiter vor, aber der Hase lief immer weiter weg. Schließlich stand sie auf und verfolgte den Hasen. Seltsamerweise übte dieser eine magische Anziehung auf sie aus. Doch dann kam wieder dieses altbekannte Gefühl. Sie wollte aufschreien, doch alles, was sie jetzt noch sah, war ein schwarzer Strudel, in den sie hineingezogen wurde. Dann war alles schwarz.Als Peter aufwachte, schaute er sich erst einmal schnell und verschlafen um. Erst bei seinem zweiten Blick bemerkte er, dass Kayla fehlte. Wo war sie?
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