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Namenlos
von roemeli (13)
publiziert am 24. Juni 2007

Eulen-Bewertung:

Eine junge Frau rannte keuchend die einsame Strasse entlang. Ihr Verfolger war ihr dicht auf den Fersen. Nein, niemals gebe ich auf!, dachte sich die junge Frau. Doch gerade als sie dies dachte, war ihr entgangen, dass direkt vor ihr auf dem Bürgersteig einige Kieselsteine lagen. Sie stolperte und fiel aufschreiend auf den Boden. Sie hatte keine Kraft mehr aufzustehen. Ihr Verfolger hatte sie durch das ganze Quartier gehetzt. Und jetzt stand er vor ihr, hämisch grinsend mit einem Messer in der Hand. Jetzt ist es aus!, dachte sich die Frau, dein Kind wird niemals das Licht der Sonne sehen, es wird nicht einmal existieren! Heisse Tränen liefen über ihre roten Wangen. Die junge Frau strich sich noch einmal über den dicken Bauch. Fertig, aus, dachte sie. Doch ihr Verfolger zog sie hoch und stiess sie, mit dem Messer an ihrem Hals, in Richtung Hinterhof. Dort schmiss er die junge Frau auf den Boden. Diese landete inmitten alten Müllsäcken und vergessenen Spielsachen. Kurze Zeit herrschte Stille. Doch dann durchfuhr ein stechender Schmerz ihren Unterleib. Sofort schrie sie auf. Der Entführer blickte sie erstaunt an aber er realisierte, dass nun die Wehen einsetzten. Nach ein oder zwei qualvollen Stunden, erblickte ein junges Mädchen das dunkle Licht der Welt. Die junge Mutter sank erschöpft zurück. „Sei gut zu ihr! Zu...“ ihre Stimme versagte. Doch mit letzter Kraft, hauchte sie den Namen ihres Kindes in die dunkle Nacht hinein. Dann schloss sie die Augen und verliess diese Welt für immer. Sie stand vor dem grässlichsten Gebäude der Jugend. Es war grau, kahl und machte keinen freundlichen Eindruck. Auch der Hof um das Gebäude herum war kahl. Es hatte wenige Sitzgelegenheiten und genau zwei Bäume auf dem riesigen, von hohen grauen Mauern umzäunten, Hof. Ja, das grässlichste Gebäude für jedes Kind. Die Schule. Sie atmete tief durch und setzte sich in Bewegung. Wie sie diesen Morgen hasste, so wie sie jeden anderen Morgen hasste. Sie ging nun schon seit 7 Jahren auf diese Schule und mochte sie immer noch sowenig wie am ersten Schultag. Ja, der erste Schultag. Was für ein grässlicher Tag. Im Kindergarten hatte sie sich auf die Schule gefreut, doch kaum hatte sie das Schulgebäude und den Pausenhof gesehen, verflog ihre Freude und war bis jetzt noch nicht zurückgekommen. Sie gab sich einen Ruck und stieg mürrisch die Stufen hinauf. Sie setzte sich auf die oberste kalte Stufe und schloss die Augen, nach drei Sekunden öffnete sie die Augen wieder und betrachtete das treiben auf dem Hof: kleine Kinder rannten umher, die mittleren Klassen redeten über Hausaufgaben und im Tussenecken wurde wieder einmal darüber gestritten, welche den besten Freund hatte. Endlich. Es klingelte. Sie erhob sich und stiess die schwere Holztür auf. Kaum war sie im innern des Gebäudes wurde sie von den kleinen Erstklässlern überholt. Sie wartete bis fast alle Kinder an ihr vorbeigerauscht waren und trottete dann müde und lustlos die Treppen hinauf in das Klassenzimmer. Wie immer; sie kam als eine der letzten in den Raum und fing sich dafür einen kritischen Blick des Lehrers ein. Lustlos schmiss sie sich auf ihren Platz und hoffte auf das Ende.„So meine Herrschaften! Ich werde Ihnen jetzt die Prüfungen austeilen. Ich verlange die Korrektur Morgen auf meinem Tisch! Nachdem Sie die Prüfung erhalten haben, beginnen Sie mit den Aufgaben 55-70 im Buch!“ erklärte Herr Keller. Mit seiner lauten und kratzigen Stimme holte er jeden, der in den Wolken hing, wieder hinunter auf den Boden. Das Mädchen betrachtete kritisch ihr Prüfungsblatt. Schon den ganzen Tag wollte sie nicht glauben, dass sie eine 3 geschrieben hatte. Wie konnte das nur passieren? Sie hatte gelernt! Ja sie hatte ausnahmsweise einmal gelernt und dann das; eine 3! Aber daran konnte sie nichts mehr ändern. Wie sollte sie das bloss Derrick erklären? Langsam trottete sie nach Hause. Dort wurde sie schon von Derrick erwartet. Seinem eiskalten Blick entging nichts. Er deutete mit dem Kopf auf den Tisch auf dem das Essen stand. Sie stellte ihren Rucksack an seinen Ort, wusch sich die Hände und setzte sich gegenüber von Derrick an den Tisch. Auf ihrem Teller befanden sich: ein Stück Fleisch und ein bisschen Gemüse. Doch auf Deriks Teller, dampften Nudeln. Sie hatte sich schon daran gewöhnt, sie bekam seit sie normal essen konnte jeden Tag Gemüse und Fleisch und zum Frühstück ein Stück Brot und eine Tasse Milch. Süsses bekam sie genau an Weihnachten und an ihrem Geburtstag. So wurde sie erzogen. Sie kannte nur das. Nachdem schweigsamen Essen verzog sie sich in ihr Zimmer. Sie hatte praktisch noch nie ein Wort mit Derrick gewechselt. Ausser, als er ihr das Sprechen lernte, hatte er anständig mit ihr geredet. Wenn sie mit ihm redete kamen nur wenige Laute über seine Lippen. „Mhm, hm, ja, nein“ das kannte sie von ihm, mehr nichts.In ihrem Zimmer befand sich ein Bett, Schreibtisch und ein Schrank. Mehr hatte sie nicht. Nicht ein mal ein Plüschtier oder so. Das Zimmer war dafür da, zu schlafen und zu lernen. Doch oft schloss Derrick sie ein, wenn er wieder geheimen Besuch hatte. Oft hörte sie dann Schreie und Schläge. Ja, auch Brutalität kam in ihrem Leben nicht zu kurz. Seit sie zur Schule ging wurde sie von Derrick geschlagen. Meistens dann, wenn sie eine schlechte Note hatte. Heute wird er wahrscheinlich ausrasten, dachte sie während sie sich erschöpft auf ihr Bett fallen lies. Sie zog die Decke über den Kopf und fing an zu weinen. Heisse und kalte Tränen liefen über ihr Gesicht. Manchmal dachte sie sich, dass sie doch eigentlich gar keine Tränen mehr haben könne, soviel wie sie diese vergoss. Eine halbe Stunde später kam Derrick herein. Wühlte in ihrem Rucksack herum und fand was er wollte; die Prüfung. Als er die schlechte Note sah, verfinsterte sich sein Blick noch mehr als es sonst schon war. Mit eiskalten Augen blickte Derrick sie an. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und sammelte ihre Kräfte für das was danach geschah.Zusammen gerollt lag sie auf ihrem Bett. Wieder ranten kalte Tränen über ihr Gesicht. Doch niemand sah sie. Niemand. Derrick hatte sie eingeschlossen. Nach einiger Zeit vergingen die äusseren Schmerzen und die inneren Wunden traten zum Vorschein. Sie sprang auf und kramte ein Messer hervor. Sie hielt die Klinge in die matte Herbstsonne. Trat ans Fenster, öffnete es und stieg aus dem Zimmer. Das Messer unter dem Pullover versteckt, rannte sie weg. Weg von dem grässlichen Haus. Sie rannte in Richtung See. Dort liess sie sich an ihrem Lieblingsplatz nieder und betrachtete das glitzernde Wasser. Wieder stiegen ihr die Tränen hoch. Doch sie wischte sie verbittert weg. Ihre Hände packten einen Stein der neben ihr lag und schleuderten ihn mit aller Kraft ins Wasser. Ihr Mund schrie die Wörter: Mama, wo bist du?, gegen die Abendsonne. Krampfhaft suchten ihre Hände das Messer. Als sie es in der Hand hielt, streckte sie es dem Himmel entgegen. Die Sonne liess ihren Glanz auf sie scharfe Klinge fallen. Dann, blitzschnell, durchschnitt die Klinge die blasse Haut des linken Unterarms. Doch diesmal, war das Metall zu tief eingedrungen. Sie zuckte zusammen. Shit, dachte sie, das war’s! Sie schloss zufrieden die Augen und wartete auf ihr Ende. Derrick sah verwirrt auf die Leiche der jungen Frau und das kleine Bündel in seinem Arm. Was hatte er getan? Er betrachtete das kleine Wesen genauer. Sie war hübsch. So hübsch wie ihre Mutter. Er hatte einem so hilflosen, kleinen und hübschen Geschöpf die Mutter genommen. Er trug nun die Verantwortung für dieses Kind. Doch wie sollte er das fertig bringen? Er, Derrick, der immer in krumme Sachen verwickelt wurde, sollte jetzt ein kleines Baby aufziehen? Nein, unmöglich! Aber sie hat dich gebeten!, rief er sich ins Gedächtnis. Derrick atmete tief durch. Er beschloss dieses Mädchen aufzuziehen und es nicht vor ihm an die Ewigkeit abzugeben. Dann zog er seine Jacke aus und wickelte das Mädchen ein. Er raffte sich auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Sie öffnete die Augen. Bin ich tot?, fragte sie sich. Nein, sonst würde ich nicht denken! Wieso? Wieso bin ich immer noch auf dieser Gottverdammten Welt?, schrie sie innerlich. Ihr Körper verkrampfte sich. Alle Muskeln spannten sich an. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sofort riss sie die Augen auf und wandte den Kopf. Die Hand gehörte Derrick. Sie konnte es kaum fassen, doch es war wirklich Derrick. Derrick der sie immer eingesperrte und geschlagen hatte. Wieso war er hier? Es hätte ihm doch egal sein können, ob sie noch lebte oder nicht. Warum? Derrick öffnete den Mund. „Wieso hast du das getan? Mach das nicht noch mal!“ Sie nickte trotzig. Er hatte sich Sorgen gemacht? Aber warum? Sie hatte ja sowieso keine Eltern. Derrick hatte sie einfach aufgezogen aber er war nicht ihr Vater. Sie versuchte sich aufzusetzen, doch die Hand drückte sie schroff zurück. „Du musst dich noch ausruhen!“ Verwirrt legte sie sich hin. „Derrick, wie ist mein Name?“ ihre Stimme klang schwach aber bestimmt. Derrick atmete tief durch. „Wenn du es unbedingt wissen willst. Deine Mutter hat dir den Namen…“gerade als er den Namen sagen wollte, fing sie an laut zu schreien. Warum wusste niemand. Derrick glaubte, dass sie es einfach nicht wissen wollte. Seit diesem Tag, machten weder sie noch Derrick Anstalten dazu, über ihren Namen zu sprechen. Sie lebte ihr Leben weiter wie immer, Namenlos.
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