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Michelle Schachtler
Der Schmetterling im Kokon
Draussen glitzerten die Lichter der Stadt, die Strasse war menschenleer. Ein kalter Januarwind strich durch die B�ume und liess eine Papiert�te �ber die Strasse tanzen. Einige Stockwerke weiter oben, im Zimmer 17 des Kinderhospitals sass Tim neben einem Bett, in dem seine Tochter Emme lag. Neben dem Bett stand eine grosse Maschine. Diese Maschine die Tim schon so oft im Fernsehen gesehen hatte, gab den ber�hmten Piepslaut von sich und Tim stellte erstaunt fest, dass er nicht einmal den Namen des Ger�tes kannte. Er wusste nur, dass damit die Herzschl�ge der Patienten angezeigt wurden. Er drehte sich wieder zu seiner 15-j�hrigen Tochter Emme. Er, Tim, bald 38 Jahre alt, dachte immer, er h�tte schon vieles erlebt. Aber nun im Zimmer 17 des Kinderhospitals zu sitzen und zu warten, bis seine Tochter endlich erl�st wird, das h�tte er sich wahrhaftig nie ertr�umt. Sein Blick fiel auf seine Hand, die sch�tzend �ber der seiner Tochter lag. Das sind doch grosse H�nde, die ich habe, dachte er. Und doch sind sie so schwach, nicht stark genug. Tim sah seiner Tochter ins Gesicht und in seinem Geist verschwamm das Bild wie in einem Film. Er schloss die Augen und vergangene Bilder stiegen in ihm hoch ...
Es war ein ganz normaler Tag gewesen, als es passierte. Tim war wie immer p�nktlich um 7.15 Uhr zur Arbeit gegangen, seine Frau Milla hatte viel zu tun und wollte mit ihrer kleinen Tochter Emme zu Hause bleiben. Emme hatte ein paar Tagen zuvor ihren zweiten Geburtstag gefeiert. Ihre Nachbarin Frau Schmitting hatte ebenfalls eine Tochter, die aber ein Jahr �lter als Emme war und bot Milla an, Emme mit in den kleinen Laden, oberhalb der Strasse zu nehmen und gleich noch etwas Milch f�r Milla mitzubringen. Tim wusste nicht, wie es genau geschah ... Obwohl man es ihm schon hundert Mal erz�hlt hatte, war es ihm immer noch unbegreiflich.
Frau Schmitting sei mit ihrer Tochter ein paar Sekunden fr�her �ber die Strasse gegangen und hatte Emme nicht an der Hand gehalten. Der betrunkene Autofahrer �bersah das Rotlicht, konnte nicht mehr bremsen und �berrollte Emme mit seinem Auto. Dank schneller Hilfe wurde Emme in das Kinderhospital gebracht. Tim wurde von Milla per Telefon verst�ndigt, liess alles stehen und liegen und fuhr so schnell wie m�glich in das Hospital. Vor der T�r des Zimmer 17 stand ein Arzt und informierte sie �ber die Einzelheiten. Tim war es, als k�nnte er die Stimme des Chefarztes Dr. Feldmaier ganz deutlich h�ren. «Gel�hmt. Hals abw�rts ... sie wird nicht mehr laufen k�nnen ... nicht mehr sehen ... vielleicht auch nicht mehr sprechen ...» Wie hatte er sich geirrt! Sehen und sprechen konnte Emme dennoch, wenn auch erschwert. Aber das selbst�ndige Atmen wurde zu einem Problem und Tims Tochter wurde an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Dieser Anblick war f�r ihn uns seine Frau Milla zuerst nur schwer zu ertragen gewesen. Doch die t�glichen Besuche liessen das zur Gewohnheit werden und das Zimmer 17 wurde immer mehr zu einem zuhause.
Das Piepsen der Herzmaschine liess Tim wieder in die Gegenwart zur�ckkehren. Wie lange verweilte er schon in dieser Position? Hatten ihn seine Gedanken so weit fortgetragen? Er strich sich mit beiden H�nden �bers Gesicht und merkte erst jetzt, wie m�de er war. Milla schlief dank einer Schlaftablette im Nebenzimmer, um ihn in ein paar Stunden abzul�sen, doch Tim wollte - nein musste dabei sein. Er konnte seine Tochter nicht allein lassen. Tim liess seine H�nde wieder sinken und erhob sich. Seine Beine waren schwer wie Blei und trugen ihn mit M�he bis zum Fenster. Die tanzenden Lichter schienen Tim zu verspotten, ihn auszulachen. Wieder versank er in seinen Gedanken, die tanzenden Lichter wurden zu Gesichtern, wurden immer menschen�hnlicher.
Pl�tzlich erkannte er in den «Lichtgesichtern» die Gesichter des �rztekollegiums wieder. Der Chefarzt Dr. Feldmaier blickte Tim streng an. «Wir wollen doch nur das Beste f�r Ihre Tochter» h�rte er den Chefarzt sagen. «Ja, das Beste» sagte Tim w�tend und w�re am liebsten aufgesprungen und Amok gelaufen. «Sie haben meine Tochter bisher schon drei Mal beinahe ersticken lassen und halten es nicht f�r n�tig es uns, ihren Eltern zu sagen!» setzte er nach und musste es z�hneknirschend tun, um nicht zu schreien. Tims Z�hne �chzten, als er sie mit aller Macht aufeinander dr�ckte. «Sie haben keine Beweise, wie k�nnen Sie es wagen, mir und meinem Kollegium so etwas zu unterstellen?» antwortete der Arzt w�tend. «Ist das Gesicht meiner Tochter nicht genug? Oder dass sie geweint hat? Meinen Sie etwa, sie w�rde l�gen? Ich habe sie doch tausend Mal gefragt, was denn los sei, wieso sie weine ... und sie hat es mir erz�hlt.» «Das sind doch die Medikamente! Ihre Tochter kriegt viele Medikamente, die sie phantasieren lassen», schaltete sich ein anderer Arzt ein und versuchte Tim zu beschwichtigen. «Nein! Sie wissen genau so gut wie ich, dass meine Tochter drei Mal fast erstickt w�re. Wissen Sie was sie mir gesagt hat? Dass es dort, wo sie gewesen sei, als sie fast erstickte, sch�n gewesen w�re. Sie w�re am liebsten nicht mehr zur�ckgekommen, zu diesem Schmerz ... ich habe genug, meine Frau hat genug - wir denken �ber einen Weg nach, unsere Tochter zu erl�sen, ihre weitere Schmerzen zu ...» Tim wurde unterbrochen, denn Dr. Feldmaier hatte sich erhoben und starrte ihn w�tend an. «Wer sind Sie, dass Sie sich als Richter �ber Leben und Tod aufspielen?» br�llte er und sein Gesicht nahm eine rote F�rbung an. Er hatte v�llig die Beherrschung verloren. Tim platze ebenfalls endg�ltig der Kragen. «Diese Frage m�sste ich eher Ihnen stellen, Herr Doktor» schrie Tim zur�ck. Dr. Feldmaier schien �bernat�rlich gross zu werden. «Ich - bin - Arzt! Meine Aufgabe ist es, Menschen am Leben zu erhalten.» «Um jeden Preis wie ich sehe! Meine Tochter ist schon 12 1/2 Jahre in diesem Hospital. Haben Sie �berhaupt die leiseste Ahnung wie es ihr geht? In einem K�rper eingesperrt zu sein, den sie gar nicht sp�ren kann, nicht allein atmen zu k�nnen, unf�hig sein zu laufen ...» Das war die Stimme von Milla, die aber versagte und in ein Schluchzen �berging. Tim legte seinen Arm um sie, doch Milla machte sich los. «Wenn Sie dieses Kind neun Monate in ihrem Bauch gesp�rt h�tten ...» sagte sie leise und legte eine Hand auf ihren Bauch «dann w�rden Sie f�hlen, wie schlimm das ist.» Im Zimmer war es totenstill geworden. Milla setzte sich wieder hin und starrte auf den Tisch. Tim blieb aber stehen. Der Arzt stand ihm gegen�ber blickte ihn unverwandt an. «Falls Sie es wagen sollten, irgendetwas zu tun, dann zeige ich sie an. Das schw�re ich ihnen,» zischte Dr. Feldmaier und verliess den Raum.
Das Bild verschwamm vor Tims Augen und er sah das Gesicht des jungen Studenten vor sich, der einmal auf der Abteilung gewesen war und Emme einen Besuch im Zimmer 17 abgestattet hatte. Er hatte sich alles von Milla und Tim erz�hlen lassen und zeigte sich schockiert �ber die ganze Sache. Der Student versprach, einmal Dr. Feldmaier darauf anzusprechen. An einem Morgen sah Tim den Studenten wieder und sprach ihn nochmals darauf an. «Mir ist verboten worden, mit Ihnen dar�ber zu sprechen» sagte er knapp und verliess das Zimmer 17 wieder. Tim und Milla sahen ihn nie wieder. Es hiess, er sei auf eine andere Abteilung versetzt worden.
Tims Augen begannen zu brennen. Er massierte sich die Nasenwurzel. Das Bild war weg und er war wieder hier, in der Gegenwart. So viel war passiert, er musste sich sogar als M�rder seiner eigenen Tochter beschimpfen lassen. Und trotzdem schien es ihm, dass dieses Zimmer 17 doch ein kleines zu Hause geworden war. Vielleicht lag es daran, dass es f�r ihn inzwischen eine Art Zufluchtsort war. Zuerst hatte er dieses Zimmer gehasst. Wenn er aber manchmal in der Nacht an Emmes Bett gewacht hatte, schien das Zimmer zu sprechen, Stimmen aus den W�nden zu ert�nen, die ihn tr�steten. Bei Regen schien es trotzdem eine angenehme Helligkeit zu verstr�men. Vielleicht hatte er deswegen so lange durchgehalten, sich nicht aus dem erstbesten Fenster gest�rzt. Als das �rztekollegium sich nach noch mehr Streit zusammensetzte und �ber das Schicksal seiner Tochter diskutierte, da sass er ebenfalls hier in diesem Zimmer und wartete. Die �rzte beschlossen, den Eltern ihren Willen zu lassen und die passive Sterbehilfe anzuwenden. Viele Anw�lte hatten dem Gespr�ch beigewohnt und zugestimmt - die Sache war also legal. Doch die Sache lief schief. Denn eine Krankenschwester kehrte aus den Ferien zur�ck, hatte keine Ahnung �ber den Beschluss und bemerkte schockiert, in was f�r einer schlechten Verfassung Emme war. Dank ihrem lauten Geschrei wurden schliesslich seiner Tochter doch noch Antibiotika gegeben. Ihr K�rper aber war immun dagegen geworden - es kam zu einer Gehirnentz�ndung, die Emme in ein tiefes Koma fallen und bis jetzt nicht mehr aufwachen liess.
Vor vielen Stunden - Tim wusste gar nicht mehr wie viele es waren - wurden Milla und er angerufen. Die Lage sei jetzt sehr ernst, es w�re besser, wenn sie kommen w�rden. Es w�rde wohl bald zu Ende sein.
Tim h�rte auf, seine Nasenwurzel zu massieren und begab sich wieder zu seinem Sitzplatz, als die T�r aufging und Dr. Feldmaier hereinkam. Er sah kurz Tim, dann aber die Anzeige der Herzmaschine an und kritzelte etwas auf sein Blatt. Dann aber hielt der Arzt inne. «Die Werte sind schlechter geworden. Es wird nicht mehr lange dauern ... ich werde sp�ter noch einmal vorbeischauen» murmelte der Doktor und wandte sich zum gehen. «Herr Doktor» sagte Tim und Dr. Feldmaier, schon an der T�r angelangt, drehte sich um und sah Tim an. «Sie haben doch selber Kinder» begann Tim, doch Dr. Feldmaier machte eine abwehrende Handbewegung. «Nein, bitte lassen Sie mich nur diese eine Frage stellen» setzte Tim nochmals an und der Arzt liess seine Hand wieder sinken. Nur das Piepsen der Herzmaschine unterbrach die Stille. «Wenn das ihr Kind w�re, w�rde es noch leben?» Der Arzt sah Tim an und nach einer Pause durchschnitt seine Antwort die Stille. «Nein.» Erschrocken von seiner Antwort blickte der Arzt erst Tim an, senkte dann den Blick und verliess das Zimmer 17.
Tim setzte sich wieder und verharrte dort eine Stunde, bis er bemerkte, dass sich die Linie drastisch nach unten bewegte. Er legte seine Hand auf Emmes Stirn und begann, �ber ihr Haar und ihre Stirn zu streichen. «Emme? Ich hoffe es ist bald so weit, bald bist du frei. Wenn es doch nur schneller gegangen w�re, wenn ich dir das alles h�tte ersparen k�nnen.» Tim sah kurz auf die Anzeige der Herzmaschine, musste aber nochmals hinsehen. Die Linie bewegte sich wieder nach oben - Emme musste ihn gesp�rt und geh�rt haben! Er sah wieder in das Gesicht seiner Tochter und sch�ttelte den Kopf. «Nein ... nein. Emme, nein. Nicht. Du kannst jetzt gehen. Du darfst loslassen.» Dieses Gef�hl, dass er nun erfahren durfte, wurde eines der Wichtigsten seines Lebens. Als er zu Ende gesprochen hatte, ruhte seine Hand noch immer auf ihrer Stirn. Die Linie begann drastisch zu sinken. Sie sank, sank, sank ... bis kurz vor dem endg�ltigen Ende. Da sp�rte Tim, wie sich Etwas aus Emmes K�rper l�ste. Es war nicht sichtbar, nur sp�rbar. Als Es sich endg�ltig gel�st hatte, war es, als w�rde das Zimmer 17 hauchen und eine letzte W�rme verstr�men. Die Linie sank das letzte St�ck nach unten. Es war vorbei, Emme hatte es geschafft.
Sp�ter wurde er von seiner Frau gefragt, was das f�r ein Gef�hl gewesen sei, wie er das beschreiben w�rde. F�r ihn sei es wie ein Kokon gewesen, in der ein Schmetterling warten musste um wegzufliegen, sagte er zu Milla. Und am Ende habe sich der Kokon ge�ffnet und der Schmetterling sei endlich frei gewesen um fortzufliegen.

PS: Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Personennamen wurden ge�ndert.
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