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Nadia Rudin
Noëmie
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Es ist still im Raum, nur leises Vogelgezwitscher dringt von draussen herein. Sonnenstrahlen fallen durch die halb ge�ffneten Lamellen ins Zimmer, tauchen den kalten grauen Fussboden in ein Muster aus Licht und Schatten. Feine Staubk�rnchen tanzen durch die Luft; es riecht nach Desinfektionsmittel.
Eine Frau sitzt auf einem Stuhl am Bett. Sie ist etwa dreissig; die Haare sind zu einem schlichten Pferdeschwanz hochgebunden, einzelne Str�hnen fallen ihr ins Gesicht. Sie tr�gt kein Make-up; tiefe Ringe liegen unter ihren Augen, lassen sie �lter erscheinen, als sie ist. Sie sieht traurig aus, krank. Sie ist �ber das metallene Krankenhausbett gebeugt, h�lt z�rtlich die Hand des kleinen M�dchens darin, streichelt die blasse Haut.
Der kleine zerbrechliche K�rper geh�rt No�mie. No�mie hat Leuk�mie im Endstadium. Sie ist erst drei Jahre alt. Die �rzte haben alles versucht, ihr zu helfen, doch No�mies K�rper hat keine Hilfe zugelassen. Er hat No�mie immer mehr Leben geraubt, sie immer schw�cher gemacht. No�mies Seele ist zu zart, um gegen ihn anzuk�mpfen. Sie hat keine Kraft mehr.
Kaum merkbar hebt und senkt sich der kleine Brustkorb beim Atmen. Es f�llt ihr schwer, Luft zu holen, aber die Eltern haben entschieden, sie friedlich gehen zu lassen, wann immer der Himmel es will. Keine Maschine soll ihren Schmerz noch verl�ngern. Die Frau streicht No�mie eine goldene Locke aus dem Gesicht, und eine Tr�ne bahnt sich ihren Weg �ber ihr Gesicht. No�mie hat die Augen geschlossen, scheint friedlich zu schlafen. Ab und zu zucken ihre Lider leicht, und die Mutter hofft, dass sie etwas Sch�nes tr�umt.
Leise �ffnet sich die breite T�r, kaltes Neonlicht f�llt vom Gang hinein. Ein Mann kommt ins Zimmer, gross, kr�ftig, als k�nnte ihm nichts etwas anhaben. Doch sieht man in sein Gesicht, in seine Augen, m�chte man ihn in den Arm nehmen und tr�sten, so voller Leid sind sie. Er schliesst sachte die T�r und geht auf das Bett zu. Z�rtlich umarmt er seine Frau von hinten, k�sst sie aufs Haar, st�tzt dann leicht sein Kinn auf ihren Kopf. Er betrachtet voller Liebe seine Tochter, l�chelt, als er sie so scheinbar gl�cklich unter der weissen Decke schlafen sieht. Sein Blick f�llt auf Bodo, No�mies Kuschelb�ren, ohne den sie nicht einschlafen kann. Er schliesst seine Augen, versinkt in Erinnerungen. No�mies Grossmutter hat ihn ihr zum ersten Geburtstag geschenkt, seither ist No�mie nie mehr von seiner Seite gewichen. No�mie hat ihre Grossmutter geliebt, verg�ttert. Nach ihrem Tod ist No�mie immer stiller geworden, hat nicht mehr so viel gelacht. Immer �fter war sie krank, schien nicht mehr gl�cklich. Ein Besuch beim Kinderarzt brachte dann diese schreckliche Diagnose: Leuk�mie. Einmal kam No�mies Mutter der Gedanke, dass No�mie vielleicht ihrer Grossmutter in den Himmel folgen m�chte, so sehr vermisst sie sie. Wom�glich hat sich ihr K�rper deshalb gegen alles zur Wehr gesetzt, wollte nicht zulassen, dass No�mie noch l�nger auf Erden bleibt.
Der Vater �ffnet die Augen. Es scheint dunkler geworden zu sein im Raum. Kein Licht f�llt mehr durchs Fenster hinein, das Muster auf dem Boden ist verschwunden, nur noch graues Linoleum ist zu sehen. No�mies Brustkorb hebt sich nicht mehr. Still und leise ist sie ihrer Grossmutter gefolgt.
Tr�nen rinnen �ber das Gesicht der Mutter, ihre Augen starren ins Leere. Und das Einzige, was man in Zimmer 17 h�rt, ist ein leises Schluchzen. |
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Geschichtenecke: 311 |
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Das Lesen Eulen: 195 |
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