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Sonja Horisberger
Das Schweigen der Violine
Es ist still im Raum. So still, dass diese Stille nicht mehr gen�gend Platz darin findet. Sie quillt aus dem russgeschw�rzten Kamin und rinnt �ber die moosbedeckten Dachziegel. Sie ergiesst sich zur halbge�ffneten Zimmert�r hinaus, durchtr�nkt den abgewetzten Teppich des Korridors, sprudelt unter der schweren Eingangst�r hervor und pl�tschert die blassen Stufen der Vortreppe hinunter. Lautlose K�lte umgibt das ganze Haus. Nur das beharrliche Ticken der Uhr unterbricht in aufdringlicher Regelm�ssigkeit die Stille, zerhackt diese z�hfl�ssige, klebrige Masse des Schweigens in kleine St�cke.
Er steht da, in der Mitte des Zimmers. Zum ersten Mal seit jenem Tag. Zum ersten Mal, seit das Haus verstummte. Er steht da, sieht den Schreibtisch, sieht die verdorrte Zimmerpflanze, sieht den Schrank mit den Notenheftern. Neben dem Schrank steht noch ihre Violine. Steht da und wartet. Doch nichts geschieht. Da stehen sie beide, er in der Mitte des Zimmers, die Violine an der Wand neben dem Schrank. Sie warten. Sie warten darauf, dass sie zur�ckkommt. Doch sie kommt nicht. Die Uhr tickt. Sonst ist es still.
Er nimmt den Kasten, legt ihn vor sich auf den Schreibtisch. Dann �ffnet er die Schnallen. Klappt den Deckel auf. Da liegt sie. Die sch�nste Violine der Welt. Ihre Violine. Z�gernd bewegt er seine Finger darauf zu. Ber�hrt beinahe ehrf�rchtig das dunkelbraune Holz. Es ist kalt. Behutsam hebt er das Instrument hoch, h�lt es mit einer Hand am Hals fest, verbl�fft von seiner unglaublichen Leichtigkeit. Sanft l�sst er seine Finger �ber die glatte Oberfl�che gleiten, f�hlt die unglaubliche Geschmeidigkeit der geschwungenen Formen. Er schliesst die Augen, seine Finger fahren den runden W�lbungen der Seite entlang, den langen d�nnen Hals hinauf und verlieren sich zuoberst in den feinen spiralf�rmigen Drehungen der Schnecke. Er ber�hrt die Saiten mit sanftem Druck, f�hlt ihre Spannung an seinen Fingerspitzen. Dann hebt er die Violine an sein Gesicht, presst seine Wange gegen das Holz. Er ber�hrt es mit seiner Nase, atmet ein. Der herbe Duft von Harz, vermischt mit einem zarten Hauch des w�rzigen Lacks. Genau so hatte sie immer gerochen, ihre Fingerspitzen, ihre Schulter, und diese Stelle unter dem Kinn, dort, wo das Instrument beim Spielen mit ihr verwachsen zu sein schien, so dass man meinte, die T�ne w�rden nicht von der Violine ausgehen, sondern tief aus ihrem Innern klingen. In der Nacht, wenn die Musik im Haus verklungen war und sie sich neben ihn ins Bett legte, da nahm er manchmal ihre vom Spielen ganz heiss und zugleich weich gewordenen Finger, und roch daran; oder er legte sein Gesicht auf ihren Hals und inhalierte in vollen Z�gen diesen herben, sanften Duft. In jener ersten Nacht, als er nach dem Konzert mit ihr tanzte, als sie ihr Gesicht sanft an seinen Hals presste, da roch er ihn zum ersten Mal. Er roch die Musik. Selbst an jenem Tag im Krankenhaus, als sie reglos da lag, umh�llte sie noch immer ein feiner Schleier dieses Duftes, wie eine letzte Ahnung dieser Melodien, die jeden Tag aus diesem Raum gestr�mt waren, aus diesem Raum, aus dem nun die Stille quoll.
Die Violine liegt auf seinen H�nden. Er sieht sie an, wartet darauf, dass sie zu Klingen beginne, dass ihr voller Ton wieder das Haus erf�lle, dass sie die Melodien wieder preisgebe, denen er tagelang gelauscht hatte. Doch sie bleibt stumm. Er r�ttelt an ihr, dreht sie herum, schwenkt sie wackelnd durch die Luft, als hoffe er, dadurch die T�ne aus ihr heraus sch�tteln zu k�nnen. Doch die Violine schweigt. Er nimmt sie in den Arm, dreht sich tanzend mit ihr durch das Zimmer. Es ist vergebens. Die Violine schweigt. Die Stille, die klebrig von W�nden und Decke tropft, hat sich bereits ihrer bem�chtigt, ist durch die �ffnungen in sie eingedrungen, hat sich in ihrem Hohlraum ausgebreitet, ihn ganz ausgef�llt und die darin ruhende Musik zerst�rt. Noch immer betrachtet er das Instrument in seinen H�nden, bittend, flehend, beschw�rend. Die Violine schweigt. Schweigt in and�chtiger Trauer. Sorgsam legt er sie auf das oberste Brett des B�chergestelles.
Er schliesst die Augen, denkt zur�ck, versucht sich an die Kl�nge der Violine zu erinnern, an die vollkommene F�lle ihrer T�ne, an ihre s�sse Melancholie. Doch es gelingt ihm nicht. Sie ist auch in ihm, die Stille, welche die Violine zum Schweigen gebracht hatte. Mit jedem Atemzug saugt er sie in sich hinein. Sie ergiesst sich in ihn und f�llt seinen K�rper an mit diesen klaren, kalten Fluten. Verzweifelt versucht er, sich zu erinnern, an die Musik, an die Konzerte, an Brahms, an die Opern, an Verdi. Aber er ist nicht f�hig dazu. Die Stille hat die Macht �bernommen in seinem K�rper. Sie verdr�ngt die Musik in ihm. Sie erdrosselt die Melodien, erstickt die T�ne seiner Erinnerung unter sich und erschl�gt mit ihrem lautlosen Kn�ppel die Kl�nge vergangener Tage.
Da steht er. Die Stille ist �berall. Nur die Uhr tickt. Doch das Ticken zerst�rt die Stille nicht, vielmehr unterst�tzt sie es, verst�rkt ihre Macht dadurch, dass es ihr immer von neuem die Gelegenheit gibt, sich im Raum auszubreiten. Er will etwas sagen, will singen, kreischen, schreien, die Stille durchbrechen. Seine Lippen �ffnen sich, doch alles was seinen Mund verl�sst ist ein Hauch des Schweigens. Mit langsamen, seltsam ruhigen Bewegungen geht er zum Schreibtisch, �ffnet ger�uschlos eine Schublade und nimmt etwas heraus. Er hebt die Hand. Kaltes Metall an seiner Schl�fe. Sein Finger kr�mmt sich langsam. Erreicht den kleinen Hebel. Dr�ckt.
Er h�rt nicht mehr, wie ein lautes Knallen die Stille durchdringt und den Raum wie ein Donner erf�llt, w�hrend sein K�rper nach hinten f�llt und gegen das B�chergestell prallt. In kurzen Abst�nden ersch�ttert dumpfes Plumpsen den Teppichboden. Ein Buch. Ein lebloser K�rper. Ein Buch. Dann das Scheppern einer Violine, das Bersten ihres braunen Holzes, das zarte Klirren ihrer zerreissenden Saiten.
Die Uhr tickt. Einmal. Zweimal. Dann verstummt sie. Stille.
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