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Sarah Wullschleger
Das unheimliche Zimmer
Als Alice das kleine Zimmer unter dem Dach betreten will, schl�gt ihr ein merkw�rdig muffiger Geruch entgegen. Sie weicht sofort einen Schritt zur�ck. An den W�nden h�ngen gruselig aussehende Fratzen aus Holz, sie erschreckt sich. Obwohl sie schon durch eine Freundin vorgewarnt ist, die ihr gestern noch erz�hlte, dass die alte Frau Fink nicht mehr bei klarem Verstand sei, �bertrifft das alles Erwartete. Die dunkelrot gemusterten Tapeten mit den gr�sslich gr�nen Drachen darauf wirken auf Alice wie getrocknetes Blut, das an den W�nden klebt. Die Wandlampen, die wegen der heute sehr fr�h einsetzenden Dunkelheit eingeschaltet sind, werfen gespenstische Schatten auf die Tapete und lassen die abgebildeten Drachen beinahe echt aussehen. Alice steht unschl�ssig im T�rrahmen, ihre H�nde zitternd verschr�nkt.
«Kommen Sie doch n�her, junge Frau!» Die alte Dame blickt Alice erwartungsvoll entgegen, «Ich freue mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, mir f�r eine Stunde vorzulesen. Sie m�ssen wissen, meine Augen sind so schlecht geworden. Und meine H�nde zittern sogar zu fest um die Zeitung festzuhalten. Ja, das Alter macht einem schon zu schaffen ...»
Mit einer kleinen Bewegung der Hand winkt sie Alice zu sich. «Sprechen Sie bitte laut, ich verstehe Sie sonst nicht, Frau ...! Ach, ich habe Ihren Namen bereits wieder vergessen. Verzeihen Sie!» «Das macht nichts. Wagner, Alice Wagner!» «Ach ja, Frau Wagner. Sehen Sie da vorne auf dem grossen Tisch dieses dicke Buch liegen? Es ist ein Gedichtband! Ich liebe die Lyrik �ber alles! Lesen Sie mir doch bitte daraus vor». «Welches Gedicht m�chten Sie denn gerne h�ren, Frau Fink?» «Ach, das �berlasse ich Ihnen. Schlagen Sie einfach eine Seite auf und fangen Sie irgendwo an. Ich kenne sie sowieso schon alle. Aber ich h�re sie immer wieder gern.»
Durch den angenehmen Klang ihrer Stimme fasst Alice Vertrauen zu Frau Fink. Eigentlich wirkt sie ganz sympathisch. Diese schaurige Umgebung passt gar nicht zu ihr. Aber wenn sie sich hier wohl f�hlt ... Vielleicht kann ich es dann auch f�r die eine Stunde am Tag.
W�hrend Alice sich einen Stuhl in der N�he des Fensters zurechtr�ckt, h�rt sie hinter sich ein komisches Ger�usch und zuckt zusammen. Sie blickt an den Schrank, als sie sich umdreht. F�r einen Moment spielen ihre Nerven verr�ckt. Sie hat das Gef�hl, als w�rden die Drachen an den W�nden lebendig und miteinander sprechen. Alice wischt sich mit der rechten Hand �ber die Augen. «Wie ein Spuk», geht es ihr durch den Kopf! Frau Fink, die Alices Erschrockenheit sofort bemerkt, l�chelt verschmitzt. «Das ist der Schrank. Altes Holz, br�chig wie meine Knochen. Sie werden sich noch an das Knarren gew�hnen.» «Hmmm» erwidert Alice leise. Ihre Ungewissheit steigt. Nur schwer kann sie sich auf den Text des Gedichtes konzentrieren. «Am liebsten w�rde ich auf der Stelle wegrennen. Aber Frau Fink w�rde mich �berhaupt nicht verstehen. Das kann ich nicht machen ...»
Z�gernd beginnt sie zu lesen. Ihre zitternden H�nde umklammern den Gedichtband. Nachdem sie einige Zeilen gelesen hat, sp�rt sie pl�tzlich einen kalten Luftzug, der an ihr vorbei weht. Erschrocken zuckt sie zusammen. Sie hat niemanden ins Zimmer kommen h�ren. Ganz leise h�rt sie Frau Finks Worte in ihren Ohren: «Schliessen Sie doch bitte das Fenster, Frau Wagner. Der rechte Fensterfl�gel ist aufgegangen!» Erst durch die Bitte der alten Frau nimmt Alice das ge�ffnete Fenster wahr. Trotz dem Schreck steht sie auf und schliesst es. «Reiss dich zusammen», sagt sie sich. Aber das unheimliche Zimmer hat sie bereits soweit in seinen Bann gezogen, dass sie ein Fenster, das durch einen Luftzug auffliegt, nicht mehr richtig wahrnimmt. Sie nimmt sich fest vor, nicht mehr in Panik zu geraten, egal was auch noch geschehen wird, Doch ein weiteres Ereignis l�sst sie ihren Vorsatz gleich wieder vergessen.
Sie hat sich gerade wieder auf ihren Stuhl gesetzt und will trotz allem weiter vorlesen, als ihr seltsame Ver�nderungen an Frau Finks Gesichtsz�gen auffallen. Die alte Frau starrt wie unter Hypnose auf den alten Schrank neben der T�r. Die Umgebung um sich herum und auch Alice scheint sie v�llig vergessen zu haben. Mit ausgestrecktem Zeigefinger zeigt sie auf die sich �ffnende Schrankt�re. Lautlos bewegen sich ihre Lippen. Kerzengerade sitzt sie da und f�hrt ein «Gespr�ch» mit einem Unsichtbaren. Dann, auf einmal, ein Strahlen in ihrem Gesicht, so, als habe sie eine frohe Botschaft erhalten. Sie nickt heftig mit dem Kopf. W�hrenddessen knistert und raschelt es aus dem Schrankinnern. Alice l�uft es eiskalt den R�cken herunter. Wie versteinert beobachtet sie ... Sie nimmt all ihren Mut zusammen und versucht, Frau Fink anzusprechen, aber ihre Stimme versagt. Auch ihre Beine machen keinen Wank mehr. «Lieber Gott, lass es nur ein b�ser Alptraum sein», betet sie.
Es kommt Alice wie eine Ewigkeit vor, bis Frau Fink allm�hlich wieder aus ihrer Abwesenheit erwacht. Fast gleichzeitig verstummen auch die unerkl�rlichen Ger�usche aus dem Schrank und die Schrankt�re schliesst sich wie von Geisterhand, genauso wie sie sich ge�ffnet hatte. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrt sie die alte Frau an. Alice ist am Ende ihrer Kr�fte und versucht, zur Wirklichkeit zur�ckzufinden ...
«Ist Ihnen nicht gut, Frau Wagner? Mein t�gliches Gespr�ch mit meinem verstorbenen Mann hat Sie wohl etwas aus der Fassung gebracht? Ach, Entschuldigung! Ich h�tte es Ihnen gleich zu Beginn sagen m�ssen, dass ich zwischendurch kurz mit Theo sprechen muss. Theobald und ich waren f�nfzig Jahre verheiratet. Vor drei Jahren erlitt er einen Herzinfarkt. Er war auf der Stelle tot. Ich vermisse ihn noch immer so schrecklich. Wissen Sie, wenn man so lange miteinander gelebt hat, w�chst man irgendwie zusammen. Man kann dann fast nichts mehr ohne den anderen machen. Er besucht mich jeden Tag, so kann ich mich wenigstens immer ein paar Minuten mit ihm unterhalten. Ich habe ihm eben erz�hlt, dass Sie mir nun die Gedichte vorlesen, die wir fr�her oft gemeinsam gelesen haben.»
Alice h�rt die Worte von Frau Fink wie durch Watte. Nicht nur die Geschichte dieser Frau ist wahnsinnig, sondern ich bin es auch, denkt Alice. Sie glaubt tats�chlich f�r einen Moment, den Geist des verstorbenen Mannes im Raum zu sp�ren. Das Buch f�llt ihr aus der Hand ... «Frau Fink, ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe», beginnt Alice z�gernd. Sie ist erleichtert dar�ber, wenigstens ihre Stimme soweit wieder im Griff zu haben, um sich ausdr�cken zu k�nnen. «Ja, es ist recht so, Frau Wagner! Es war sicher alles ein wenig viel f�r Sie heute! Aber Sie kommen doch wieder?» Alice kann nur kurz nicken, dann verschwindet sie aus dem Zimmer.
Im Treppenhaus h�rt sie hinter sich eine leise Frauenstimme ihren Namen rufen. «Hallo, Frau Wagner! Haben Sie einen Augenblick Zeit? Ich bin die junge Frau Fink und muss Ihnen unbedingt etwas erkl�ren!» Alice schreckt erneut auf, als sie ihren Namen h�rt. «Frau Wagner, warten Sie bitte einen Moment. Es f�llt mir nicht ganz leicht dar�ber zu sprechen, aber, Sie haben doch gerade der alten Frau Fink vorgelesen. Nun, die alte Frau hat ihre bestimmten Dinge, die sie t�glich macht. Sie haben vermutlich heute Nachmittag eine Kostprobe davon mitbekommen. Ich kann gut verstehen, wenn Sie von dem Geschehenen sehr irritiert sind. Sie sind ja kreidebleich im Gesicht!»
«Ich kann das Ganze nicht verstehen! Das ist ja Wahnsinn! Das Gespr�ch mit einem Geist! Und dann dieser Schrank ...» «Ja, genau das m�chte ich Ihnen erkl�ren! Hinter diesem Schrank befindet sich eine Geheimt�re, von deren Existenz die alte Frau Fink jedoch nichts weiss. Um ihr das Gef�hl zu geben, ihr geliebter Mann k�me jeden Tag zu einem Gespr�ch zu ihr zur�ck, platzierte mein Mann das M�belst�ck in ihrem Zimmer so, dass es genau vor dieser Geheimt�re steht. Er s�gte die R�ckwand des Schrankes in der Gr�sse der Geheimt�re aus und kann so von hinten in den Schrank hineinsteigen, unsichtbar f�r jedermann.» «Und Frau Fink weiss nicht, dass es ihr Enkel ist? Sie glaubt im Ernst, ihr verstorbener Mann besuche sie?» «Ja, nat�rlich! Wir lassen sie in diesem Glauben!» «Mein Gott! Das ist ja verr�ckt!» Alice sch�ttelt verst�ndnislos den Kopf. Mit beiden H�nden h�lt sie sich am Treppengel�nder fest. «Ich kann kaum glauben, was ich da h�re! Wo gibt es denn so was? Doch nur in einem schlechten Film!? Der Enkel soll hinter diesem mysteri�sen Spiel stecken? Und seine Frau unterst�tzt ihn auch noch! In diesem Haus m�ssen alle verr�ckt sein!» Sie zittert am ganzen K�rper. In ihrem Kopf dreht sich alles. Alice hat nur noch den einen Gedanken: Raus! So schnell wie m�glich weg von hier und nie wieder einen Schritt in dieses Haus setzen!
Fast �ber ihre eigenen F�sse stolpernd, eilt sie die Treppe hinunter und rennt ins Freie.
«Frau Wagner, Sie kommen doch morgen wieder, nicht wahr?» Diese Worte h�rt Alice schon nicht mehr.
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