ÜBER DIE BASLER EULE
ZUM WETTBEWERB
GESCHICHTENECKE
DAS LESEN EULEN
Christoph Merian Stiftung Basel (www.merianstiftung.ch)
Radio X (www.radiox.ch)
netzhandwerk & nullundeins
ZWEI BRINGEN ES AUF EINEN NENNER...
zurück

Tamara De Caro
Wie immer
Der Raum ist kahl und grau. Ohne Fenster, ohne Einrichtungsgegenst�nde. Ich sitze zusammengekauert in einer Ecke. Blut tropft mir von den Armen und l�uft auf dem grauen Boden zu einem See zusammen. Ich lass es geschehen. Pl�tzlich dreht sich alles und ich sehe, wie das Blut von den W�nden runterl�uft. Der Raum ist jetzt nicht mehr grau, sondern blutrot. Ich sitze immer noch in der Ecke, w�hrend das Blut �ber mich l�uft. Ich schreie.
Und sitze kerzengerade in meinem Bett. «Das hast du nur getr�umt, Chiara. Nur getr�umt» murmle ich vor mich hin, w�hrend ich mich schweissgebadet wieder in die Decke kuschle. Die Narben an meinen Armen schmerzen f�rchterlich. Nicht einschlafen, denke ich. Nicht einschlafen und wieder in diesen Raum zur�ckkehren, der schon seit Wochen, ja seit Monaten Gegenstand meiner Tr�ume ist. Schliesslich verfalle ich doch noch in einen unruhigen Schlaf. Zum Gl�ck kehrt der Raum nicht zur�ck.
Der Wecker klingelt hartn�ckig und ich bringe ihn mit einem Schlag meiner Handfl�che zum Schweigen. Schlaftrunken torkle ich ins Bad, steige in die Dusche und lasse das Wasser ganz kalt �ber meinen K�rper rieseln. Zuerst ist es f�rchterlich kalt, doch schon nach kurzer Zeit wird die Haut taub gegen die K�lte. Das mag ich. Das tut gut. Ich schrubbe mich mit Seife und die Schnitte an meinen Armen fangen wieder an zu brennen. Aber das ist mir egal. So soll es ja sein. V�llig klar, mit schmerzenden Armen steige ich aus der Dusche und trockne mich ab. Die Haut wird ganz rot, von dem Blut, das in die Adern zur�ckkehrt. Es erinnert mich an den Raum, wie er diese Nacht war. Zuerst grau, farblos, bis das Blut kam und alles rot machte. Ich schl�pfe in meinen Slip und Socken und ziehe mir die Hosen an. Dann den alten, ausgeleierten BH und das lang�rmelige Shirt. Im Sommer. Schon viertel vor sieben, f�hrt es mir ein. Hektisch kehre ich in mein Zimmer zur�ck und werfe wahllos alle meine Schulsachen in die Tasche. Ich renne in die K�che. «Chiara» t�nt eine �lige Stimme. Ich zucke zusammen. Z�gernd gehe ich in die K�che. Dort sitzt er, in einem blauen Bademantel, unter dem man deutlich seine widerlichen Brusthaare erkennt. Auf der anderen Seite des Tisches meine Mutter mit zerzaustem Haar, den Kaffe in der einen, die Zigarette in der anderen Hand. Peter, mein Stiefvater seit einem Jahr und vier Monaten, zieht mich zu sich heran. Zuerst legt er die Hand auf meine Schulter. W�hrend er mir eine gute Zeit in der Schule und viel Gl�ck f�r die Mathepr�fung w�nscht, wan-dert seine Hand zu meinem Po und greift zu. Ich winde mich aus seinem Griff und st�rze aus dem Haus. Und meine Mutter hat nichts bemerkt. Wie immer.
Ich habe viel zu warm, als ich im Mathezimmer sitze und auf den ganzen Zahlensalat starre. Bis vor einem Jahr und vier Monaten war ich ein Ass in Mathe. Jetzt kann ich mich auf nichts konzentrieren. Ich sehe nur seine Brusthaare, f�hle seine Hand und h�re seine gr�ssliche Stimme. Es klingelt und ich habe genau zwei von sechs Aufgaben gel�st. Schweigend gebe ich den Test ab und st�rze aus dem Zimmer. Ich lasse mich im Sch�lerstrom zum Bus mitreissen. Meine beste Freundin Lena rennt mir hinterher. «Hey Chiara. Alles klar? Ich konnte alle Aufgaben l�sen. Und es ist alles aufgegangen. Sieht gut aus f�r mich.» Wie immer. «Was hattest du im Geschichtstest? Ich hatte eine f�nf komma f�nf. Ist das nicht toll? Jetzt habe ich doch voll eine f�nf komma f�nf im Zeugnis!» Sehr toll. Ich hatte eine drei komma f�nf. Ich lasse mich schweigend auf einen Sessel im Bus fallen. «Was hast du denn heute schon wieder?» fragt sie sichtlich genervt. Die gleiche Frage seit einem Jahr und vier Monaten. Und die Antwort ist immer die gleiche: Du nervst mich mit deiner Fr�hlichkeit! Du bist so gl�cklich, hast so ein perfektes Leben. Du siehst klasse aus, hast super Noten, tolle Eltern und einen noch tolleren Freund. Aber nur in meinen Gedanken. «Ich bin m�de» antworte ich und l�chle gequ�lt. Sie ist die einzige, die noch zu mir h�lt, seit ich mich vor einem Jahr und vier Monaten so ver�ndert habe. Endlich muss ich aussteigen. Ich verabschiede mich und trete ins Helle. Langsam trotte ich nach Hause. Peter und Mutter arbeiten. Zum Gl�ck. Ich vertreibe mir den Nachmittag damit, schlampig die Hausaufgaben zu machen und mir vor «Arabella am Nachmittag» oder so die Arme aufzuritzen. Das Thema ist intelligent wie immer: «Betr�gt mich mein Mann?» Ich schneide heftiger zu als erwartet. Das Blut tropft �ber meine Arme und bildet auf dem Parkettboden einen kleinen See. Pl�tzlich h�re ich unten den Schl�ssel im Schloss. Ich springe auf. Zu heftig. Mir wird schwarz vor Augen. Wie so oft in letzter Zeit. Ich renne in die K�che und hechte mit einem K�chenrollpapier zur�ck und wische das Blut auf. Dann schliesse ich mich im Bad ein und tupfe das Blut ab, das immer noch hervorquillt. Als ich wieder herauskomme sehe ich meinen Stiefvater, wie er meine Mutter umarmt. Seine Hand gleitet zu ihrem Po und greift zu. Mir wird �bel, ich kehre um und sinke vor der Klosch�ssel zusammen. Ich kotze mir fast den Magen aus dem Hals. Ich h�re die beiden, wie sie kichernd im Schlafzimmer verschwinden. Dann h�rt man eine Weile nichts bis auf das Gequietsche des Bettes und Kichern. Mir wird gleich noch mal �bel und ich wende mich wieder der Klosch�ssel zu.
Wir sitzen zusammen am K�chentisch vor Kartoffelstock und einem Schweinepl�tzchen. Das Telefon klingelt und ich ergreife die Gelegenheit, das Essen auf eine Serviette auf meinem Schoss fallen zu lassen. Peter nimmt ab. Meine Mutter steht daneben und ich springe kurz in die K�che und lasse das Essen im Abfallk�bel verschwinden. Als ich mich umdrehe, steht mein Stiefvater vor mir und schl�gt mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Meine Mutter wendet sich schluchzend ab. Wie immer. Ich sinke zusammen w�hrend er losschreit: «Eineinhalb Punkte von m�glichen zw�lf! Dein Mathelehrer war das am Telefon. Er fragt, ob etwas nicht mehr stimme bei uns zuhause? Kannst du dir etwas vorstellen, was bei uns nicht stimmt? Ich nicht! Bei dir stimmt was nicht! Weisst du wie peinlich das f�r mich und deine Mutter ist?» Er schl�gt mir nochmals mitten ins Gesicht, packt mich am Arm und bohrt seinen Daumen genau in meine tiefe Schnittwunde. Ich schreie leise auf. Er sch�ttelt mich, zwingt mich auf die Beine und schleift mich in mein Zimmer. Er wirft mich auf den Boden, l�sst mich liegen, verriegelt das Zimmer und geht. Die Tr�nen laufen mir runter, w�hrend ich nichts f�hle. Es wird dunkel draussen, die Tr�nen versiegen. Ich schl�pfe in mein rosarotes Nachthemd und sinke zitternd in mein Bett. Es muss schon nach zw�lf sein als Peter leise reinschleicht. Er stinkt f�rchterlich nach Bier und legt sich neben mich. Er streichelt meinen R�cken und fl�stert: «Entschuldige! Es tut mir so leid! Kannst du mir verzeihen, Zuckerst�ck?» Er presst sich an mich, f�hrt mit seiner Hand unter mein Nachthemd und dann f�ngt es an. Ich erstarre, werde v�llig gef�hllos und lasse alles �ber mich ergehen. Meine Hand tut die Sachen, die er von mir verlangt, v�llig automatisch. Ich sp�re nichts. Nicht seine Hand zwischen meinen Beinen und nicht seinen heissen Atem in meinem Nacken. Als er fertig ist, schleicht er raus und macht mit Mutter weiter. Mit weit ge�ffneten Augen kneife ich mich panisch. Doch vergeblich: ich sp�re nichts. Verzweifelt krame ich aus der Schreibtischschublade die Rasierklinge hervor. Meiner Mutter werde ich sagen, ich h�tte �berraschenderweise meine Tage bekommen.
Diesmal sitzt ein kleines M�dchen in dem Raum. Es hat ein rosarotes Nachthemd an und blaue Flecken am ganzen K�rper. Es weint bitterlich. Das Gesicht hat es in seinen H�nden vergraben. Ich kann sein Gesicht nicht sehen! «Hey kleines M�dchen», rufe ich. «Zeig mir mal dein Gesicht, und weine doch nicht!». Es will gerade den Kopf heben als von �berall her H�nde kommen. Die H�nde ber�hren das M�dchen �berall. Es wehrt sich nicht, liegt nur wie ein Brett da und l�sst alles �ber sich ergehen. Ich schreie! Und sitze kerzengerade in meinem Bett. «Das hast du nur getr�umt, Chiara. Nur getr�umt» murmle ich vor mich hin w�hrend ich mich schweissgebadet wieder in die Decke kuschle. So wie immer.
Heute habe ich Sport. Ich hasse Sport, denn dann ist immer die Gefahr da, dass jemand meine Schnitte sieht. Und das will ich nicht! Gehetzt rase ich in die Umkleidekabine und habe mein Turn-Shirt schon an, bevor die anderen kommen. Nachdem Unterricht warte ich bis alle draussen sind und dusche mich dann. Ich lasse eiskaltes Wasser �ber mich laufen. Wie immer. Pl�tzlich steht meine Turnlehrerin im Zimmer. Sie dreht sich ab. «Sorry Chiara, ich wusste nicht dass noch jemand drin ist, ich dachte jemand hatte vergessen den Hahn ab ...» Sie stockt. Dreht sich um und sieht mich an. Sie packt meinen Arm. Und da sieht sie es. All die alten und frischen Narben und Schnitte an der Innenseite meiner Arme. Geschockt schaut sie mich an. Dann sieht sie auch die Schnitte auf meiner Brust und die blauen Flecken am ganzen K�rper verteilt. «Mein Gott», murmelt sie. Schnell packt sie mein Handtuch und wickelt mich ein bevor sie mich in die Garderobe st�sst und auf eine Bank setzt. Ich lasse es mir gefallen. Sage kein Wort. Immer noch v�llig von Sinnen heisst sie mich, mich anzuziehen. Ich gehorche ihr. Widerstandslos. Wie ich immer alles �ber mich ergehen lasse. Die Turnlehrerin schiebt mich vor sich her zum Rektorat. Doch da will ich nicht rein. Niemand soll meine Arme sehen! Niemand. Ich mache mich los und kehre um. Ich werde von irgend jemandem gepackt und zum Rektor geschoben. Sp�ter merke ich, dass es mein Klassenlehrer ist.
Alle sitzen sie in diesem B�ro um mich rum und bedr�ngen mich. Meine Arme sind entbl�sst, die �rmel zur�ckgeschoben. Ich sage kein Wort. Sitze stumm und gef�hllos da. Ich darf nicht mehr nach Hause. Meine Mutter und Peter werden informiert. Sie rasen in die Schule um mich zu holen, doch ich bin schon weg. Beim Arzt, um mir eine Narbencreme verschreiben zu lassen. Beim Frauenarzt, um fest-zustellen zu lassen, dass ich stark k�rperlich gesch�digt bin. Das alles nehme ich nur durch einen Schleier wahr. Gef�hllos. Wie immer.
Es ist bereits sp�ter Nachmittag, als ich wieder im B�ro des Rektors sitze. Dort sitzt mein Klassenlehrer, der Rektor, meine Turnlehrerin. Und hinten, im Ecken Lena. Verheult sieht sie aus. Das sonst so perfekt aufgelegte Make-Up ist v�llig verschmiert, die Haare v�llig verzaust. «Warum weint sie? Wegen mir? Warum? Ich f�hle ja nichts, mir tut nichts weh!»
Ich kneife mich immer fester. In meinen Gedanken dreht sich alles nur noch ums Ritzen. Ich muss es tun. Ich will sp�ren, dass es mich noch gibt! Dass ich nicht nur eine H�lle bin! Vor f�nf Stunden haben sie gesagt, es w�rde nur noch f�nf Stunden gehen, bis er kommt. «Wer er? Peter? Der Arzt? Der Psychologe? So ein Typ vom Jugendamt?»
Pl�tzlich �ffnet sich die T�re. Durch den Schleier von Tr�nen die ich nicht f�hle, sehe ich eine grosse, breite Gestalt. «Chiara» ruft diese Gestalt und nimmt mich in die Arme. «Ein Wildfremder! Oder doch nicht? Dieser Geruch, die Stimme. Das kommt mir alles so bekannt vor.» Ein warmes Gef�hl durchflutet mich. Schon so lange hatte ich nicht mehr so gef�hlt! Das war mein Vater! Ich hatte ihn seit einem Jahr und vier Monaten nicht mehr gesehen. Pl�tzlich sp�rte ich, dass ich weinte. Mein Vater nahm mich in die starken Arme und brachte mich in sein Auto. «Mein Gott, Chiara, hast du abgenommen. Du bist ja ein richtiges Fliegengewicht!». Vorsichtig legte er mich auf die R�ckbank und strich mir z�rtlich �ber das Haar. Ich merkte, wie er mit dem Rektor redete und einem anderen Mann. Wird wohl tats�chlich einer vom Jugendamt sein. Doch das ist mir jetzt egal. Jetzt bin ich bei meinem Papa, den ich seit einem Jahr und vier Monaten nicht mehr sehen durfte und jetzt wird alles gut. Gl�cklich schlafe ich ein.
Diesmal sitze ich wieder in dem grauen Raum. Meine Narben tun furchtbar weh. Ich realisiere es aber nicht. Wie immer. Auf einmal tauchen aus den W�nden Augen auf, die mich anglotzen und ich h�re Stimmen, die auf mich einreden. Ich schreie. Und sitze kerzengerade in einem Bett. Im Zimmer gegen�ber h�re ich durch die offene T�r meinen Vater schnarchen. Jetzt wird alles gut, denke ich noch einmal. Und schlafe wieder ein.
Ich bin jetzt seit einem Jahr und zwei Monaten bei meinem Vater in Berlin. Er und seine Frau, meine Stiefmutter, haben das Sorgerecht f�r mich bekommen. Ich schneide mich auch nicht mehr, und die Narben sieht man kaum mehr. Und endlich habe ich einen Freund, der mich anfassen kann, ohne dass ich gleich hysterisch werde. Peter sitzt, glaube ich, im Gef�ngnis und meine Mutter in der Psychiatrie. Aber das ist mir egal, denn jetzt ist alles gut.
Der Raum ist immer noch grau. Ich stehe auf und laufe auf die Wand zu. Pl�tzlich ist da eine T�r. Als ich sie �ffne, wird der Raum regenbogenfarbig. Und draussen scheint die Sonne.
Geschichte als pdf-Datei öffnen/downloaden
zurück
Einträge:
Geschichtenecke: 309
Das Lesen Eulen: 195
DAS BUCH
Die Gewinner- geschichten des Wettbewerbs werden alljährlich in einem Buch veröffentlicht. Dieser Titel ist jeweils im Buchhandel erhältlich.
mehr...
GESCHICHTEN-ECKE
Veröffentliche selber Deine Geschichten im Internet und bewerte die Geschichten anderer Teilnehmer/innen!
mehr...
DAS LESEN EULEN...
Wenn Du ein besonders spannendes oder tolles Buch gelesen hast, kannst Du es hier weiterempfehlen.
mehr...