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Miriam Wissel
Zimmer 17
«Chris nun komm endlich! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!» Chris Mutter war wie immer vor dem Reisen voll in Ferienstimmung. «Jaja!» kam es genervt von oberhalb der Treppe. «M�cki will nicht in den K�fig!» - Vermutlich sp�rt er, dass wir in ein unm�gliches Kaff fahren, f�gte er im stillen hinzu. «Musst du dieses schreckliche Tier auch unbedingt mitnehmen?» dr�hnte Herr Brauns Stimme von unten. Chris antwortete nicht und stopfte die sich str�ubende M�ckenfledermaus in den K�fig. Beleidigt stapfte er die Stufen hinunter und w�rdigte seinen Vater keines Blickes. «Was machst du denn f�r ein Gesicht?» fragte ihn Frau Braun w�hrend der Fahrt. «Ich guck' immer so, Mam.» Sie schwieg, was sollte sie schon zu der Missmutigkeit ihres Sohnes sagen? Tr�bselig starrte Chris zur verschmutzten Fensterscheibe von Vaters Golf hinaus. Das werden die langweiligsten Ferien �berhaupt, dachte er sauer. Na, wenn er sich da mal nicht irrte!
Kaum angekommen, st�rzte schon ein Dienstbote durch die Eingangst�r des Hotels, um ihnen beim Abladen des Gep�cks behilflich zu sein. Zwei Bedienstete trugen die Koffer nach oben, w�hrend die Brauns ihre Zimmerschl�ssel ausgeh�ndigt bekamen. Chris bekam den Schl�ssel f�r Zimmer 17, Herr und Frau Braun waren zwei Zimmer weiter vorne. Chris ging nach oben, um dem Dienstboten die T�r zu �ffnen. Als er eintrat, stockte ihm der Atem. Er traute seinen Augen kaum. Eigentlich war das Zimmer ganz normal. Ein Bett, ein kleiner Tisch mit einer Obstschale, ein Schrank, ein Nachttischchen, Fernseher, Radio, Toilettent�r und eine grosse Glast�re die auf einen Balkon f�hren sollte. Das tat sie aber nicht! Stattdessen erstreckte sich dahinter ein riesiger Freizeitpark! Er starrte den Bediensteten nur so an und sagte «Den habe ich noch gar nicht gesehen!» Denn sie waren mit dem Auto rund um das freistehende Hotel gefahren, da h�tte er ihn doch sehen m�ssen, mit seinen zahlreichen Buden und Attraktionen, dachte er. Der Dienstmann lachte «Was, mich hast du noch nicht gesehen? Ich steh schon eine ganze Weile da!» Dieser Satz holte Chris auf den Boden der Realit�t zur�ck. «Oh, �hm ... entschuldigen sie bitte. Ich war in Gedanken. Stellen sie die Sachen bitte einfach aufs Bett, ja?» Mit einer schwungvollen Geste deutete er auf den Schlafplatz und fegte dabei fast die Stehlampe um, die er noch gar nicht bemerkt hatte. «Nat�rlich,» und mit diesem Wort legte er das Gep�ck auf das Bett und ging aus dem Zimmer. Chris setzte sich und starrte vertr�umt durch die Glast�re zum Freizeitpark. Abrupt wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als ein langes, emp�rtes Fiepsen ert�nte. J�h drehte er sich um und blickte in M�ckis Gesichtchen, das ihn beleidigt ansah. «Oh, nat�rlich», er hatte ganz vergessen, M�cki aus dem Reisek�fig zu lassen. Er �ffnete das Gittert�rlein und M�cki flog ihm direkt auf die Schultern. M�cki war nicht gr�sser als ein F�nffrankenst�ck und w�rde auch nicht mehr wachsen. Chris fand es seltsam, dass M�cki tags�ber nicht schlief, daf�r wenn es Abend wurde, wo doch Flederm�use nachtaktiv sind. Aber er hat ihn schon tagaktiv bekommen. In letzter Zeit war M�cki furchtbar dick, obwohl er wie immer nur die halbe Portion Fledermausfutter pro Tag bekam.
Es klopfte an der T�r und Chris bat den Klopfenden, einzutreten. «Zeit zum Essen», sagte Frau Braun, die in der T�r stand und ihren Sohn missbilligend musterte. «Hast du immer noch deine Reisekleidung an? Du Schmutzfink! Wahrscheinlich hast du dich nicht einmal gewaschen!» rief sie streng. Chris stand so pl�tzlich auf, dass M�cki emp�rt quiekend durchs Zimmer spickte. Chris Mutter legte einen viel zu grossen Wert auf Hygiene. Beleidigt stolzierte er mit erhobenem Haupt aus Zimmer 17. Langsam ging ihm dieser Sauberkeitswahn auf die Nerven. Unten angekommen, kam der Direktor auf ihn zu. Er l�chelte wissend und fragte: «Na, wie gef�llt dir dein Zimmer?» «Es ist super!» rief Chris begeistert. «Das wusste ich», sagte der Direktor und ging weiter. Chris ging zu seinem Vater, der schon ungeduldig darauf wartete, endlich mit dem Essen beginnen zu k�nnen.
Nachdem alle satt waren, forderte Chris seine Eltern auf, in sein Zimmer zu kommen. Er wollte ihnen unbedingt den Park zeigen. Mit gewichtiger Miene drehte er den Zimmerschl�ssel im Schloss herum. Er �ffnete die T�r, trat ins Zimmer und fragte «Na?» «Na, was?» fragten seine Eltern ratlos. «Na, wie findet ihr den Park?» «Welchen Park?» fragten sie. Sie hatten den Verdacht, dass ihr Sohn sie verkohlen wollte. Chris sah seine Eltern verdutzt an. Konnten sie den grossen Freizeitpark wirklich nicht sehen oder taten sie nur so? Kopfsch�ttelnd liefen sie aus dem Zimmer und Chris h�rte wie seine Mutter sagte: «Bedauerlich, wie ihm die Einsamkeit zu Kopf steigt. Vielleicht h�tten wir doch jemanden mitnehmen sollen, der mit Chrisilein h�tte spielen k�nnen.» «Chrisilein!» Oh, wie er diesen Namen hasste!
Es klopfte und der Direktor trat ein. «Ich habe geh�rt, was deine Eltern gesagt haben» sagte er. «Ich nehme an, es ging um den Park?» Chris bejahte. «Nun, den Park k�nnen nur die sehen, die ihn brauchen.» Auf Chris fragende Miene hin fuhr er fort «das heisst, dass niemand den Park sehen kann, der nicht einsam ist oder sich nicht langweilt.»
Jeden Tag ging Chris nun f�r ein paar Stunden in den Vergn�gungspark. Dort hatte es viele andere Kinder, mit denen er Freundschaft schloss. F�r die Leute, die an Chris Terrasse vorbeigingen, sah es aus, als w�rde er auf B�ume klettern, wenn er Achterbahn oder so fuhr. Wenn er an Buden stand und etwas kaufte oder gewann, sah es aus, als w�rde er Dinge aus B�schen nehmen. Manch einer kletterte �ber den Zaun und steckte seine Hand in einen Busch, in der Hoffnung, auch einen Teddy oder einen Lebkuchen herausnehmen zu k�nnen. Was Chris am�siert beobachtete.
Eines morgens weckte ihn ein f�rchterliches Gequietsche. Er setzte sich aufrecht hin und sein Blick fiel sofort auf M�ckis K�fig, in dem viele kleine M�ckenflederm�use wie verr�ckt quietschten. Chris hatte nicht gewusst, dass M�cki ein Weibchen war!
Der letzte Ferientag war der sch�nste. Alle Leute im Park hatten f�r ihn ein Abschiedsfest organisiert. Es war wundervoll! Chris fand, dass die Ferien ruhig etwas l�nger h�tten sein k�nnen. Als die ganze Familie Braun ins Auto stieg, zwinkerten sich der Direktor und Chris unmerklich zu. Herr Braun dr�ckte auf das Gaspedal und M�ckis Kinder schrien erschrocken auf, als sich das Auto mit einem Ruck in Bewegung setzte. Das waren die sch�nsten Ferien, die er je hatte, fand Chris, und er wusste, er w�rde Zimmer 17 nie vergessen.
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