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Carole Grädel
Die Nalcas
Zajba breitete ihre durchsichtigen Fl�gel aus und flog auf das Dach zu. Dort landete sie auf dem Rand einer Regenrinne. Sie trank einen Schluck von dem Wasser, das sich dort angesammelt hatte. Es war mindestens f�nf Tage alt. Nalcas brauchten frisches, h�chstens einen Tag altes Regenwasser, das den Boden noch nicht ber�hrt hatte. Deshalb hatten sie in der Regenrinne ein Loch gemacht, wo das Wasser durch eine R�hre in ein Steinbecken tropfte. Innerhalb eines Tages mussten alle Nalcas einen Schluck davon getrunken haben. Das Regenwasser gibt ihnen neue Magie, die sie dazu verwenden, die Zimmert�re Nr. 17 unsichtbar zu machen. Hinter dieser T�re verstecken sich die Nalcas. Sie sind f�nf Zentimeter lang, sehen aus wie grau getigerte Katzen und haben kleine durchsichtige Fl�gel. Nalcas k�nnen bis 500 Jahre alt werden. Mit ihren 62 Jahren war Zajba noch recht jung. Vor vielen Jahren flogen die Nalcas noch von Ort zu Ort, doch wurden sie von den Menschen gejagt und sie mussten sich verstecken. Deshalb wohnen sie jetzt im Zimmer 17.
Jeden Tag wurde die Regenrinne von 5 Nalcas geputzt, damit das Wasser sauber war. Doch die Nalcas hatten schon lange kein frisches Regenwasser mehr getrunken. Fr�her waren sie auch schon ein oder zwei Wochen ohne Regenwasser ausgekommen. Doch in letzter Zeit regnete es Monate nicht mehr. Zajba war eigentlich auf das Dach gekommen, um die Regenrinne zu putzen, doch jetzt war sie wie alle anderen Nalcas zu m�de dazu. Sie flog zur�ck durch den kleinen Durchgang, den die Nalcas gebaut hatten. Das Fenster hatten sie zugemauert so gut es ging, damit die Menschen sie nicht entdecken konnten.
Im Ganzen waren es 15 Nalcas, die im Zimmer 17 lebten. �berall im Zimmer hatten sie sich kleine H�tten gebaut. Zajba flog zu einer H�tte, wo ihre Mutter Lija auf sie wartete. «Hast du die Regenrinne geputzt?», fragte ihre Grossmutter Alidoj, die gerade hereinkam. «Nein», sagte Zajba. «Ich wurde wie alle anderen zu m�de. Und wie soll man die ganze Rinne alleine putzen?» «Wenn das so weitergeht, sind wir in Gefahr und m�ssen von hier fl�chten», seufzte die Grossmutter. «Warst du dabei als die Nalcas noch von Ort zu Ort zogen, Grossmutter?», fragte Zajba. «Ja» antwortete diese, «aber seit 211 Jahren wohne ich hier im Zimmer 17 und seit 211 Jahren habe ich kein Quellwasser mehr getrunken.» «Quellwasser? Wieso Quellwasser?», fragte Zajba. «Schmeckt das gut?» «Anstatt Regenwasser k�nnten wir auch Quellwasser trinken, denn das ist auch sauber und kann unsere Magie wieder auftanken!» antwortete die Grossmutter. «Quellwasser schmeckt sehr gut, aber hier, wo so viele Menschen leben, finden wir keine Quellen.»
Eigentlich wohnen Nalcas allein, aber wenn sie verheiratet sind, bleiben sie und ihr Kind zusammen bis das Kind 50 ist, dann trennen sich Mutter, Vater und Kind. Zajba wohnte seit 12 Jahren allein in einer H�tte. Als sie sich auf den Weg dorthin machte, sah sie viele Nalcas, die �ngstlich auf die Wand starrten. Zajba sah die Umrisse einer T�r, die immer deutlicher wurden, bis sie schliesslich ganz zum Vorschein kam.
Da l�uteten Glocken, das Zeichen f�r eine Versammlung. Alle Nalcas kamen. Nach der Versammlung hatten fast alle etwas zu tun. Vier Nalcas standen vor der T�re, um die anderen zu warnen, sobald ein Mensch hereinkam. Zajba wurde ausgeschickt um nachzusehen, ob es nicht bald wieder regnen w�rde. Sie ging durch die kleine �ffnung hinaus und schaute sich um. Weit und breit war keine Wolke zu sehen. Doch das Haus versperrte den Blick nach Norden. Wenn dort Wolken waren? Sie war zu schwach zum Fliegen, also kletterte sie hinunter und lief ein wenig nach links, um hinter das Haus zu sehen. Das Hotel stand an einem Abhang. Da sah sie ein kleines B�chlein, das durch den Garten des Hotels floss. Sie folgte ihm bis ans Ende des Gartens. Dort stiess sie auf eine Quelle. Sie hatte noch nie Quellwasser getrunken und sie wollte es eigentlich lieber nicht probieren. Da dachte sie an das, was ihre Grossmutter erz�hlt hatte. Sie nahm vorsichtig einen Schluck. Es schmeckte sehr gut. Ihre Magie war wieder da! Hastig f�llte sie den Lederbeutel, den sie immer bei sich trug, mit dem Quellwasser und rann-te zur�ck durch die �ffnung in das Zimmer. Alle waren weg. Sie versteckten sich, aber wovor? Da sah sie den Grund: Im T�rrahmen stand ein Mann und starrte erstaunt in das Zimmer. Er drehte sich um und rannte davon. «Er l�uft sicher zum Hotelbesitzer und meldet es», rief ein Nalca verzweifelt. «Was sollen wir tun?» Da erz�hlte Zajba vom Quellwasser, das sie gefunden hatte. Sie goss das Wasser in das leere Steinbecken und die anderen tranken alle einen Schluck davon. Die T�re verschwand rasch wieder. Da h�rten sie draussen Schritte und jemand sagte: «Hier ist nichts! Sie waren bestimmt betrunken! Jetzt bin ich f�r nichts den ganzen Weg hier hinauf gegangen.» Eine andere Stimme sagte: «Ich bin mir ganz sicher, dass hier eine T�re war und dahinter war ein Zimmer mit vielen kleinen Strohh�tten und ...» «Ach h�ren Sie mit diesen albernen M�rchen auf!» rief die erste Stimme wieder, «ich gehe.» Die Schritte entfernten sich. Alle atmeten auf. Jetzt konnten sie wieder in Ruhe leben. Und noch besser: Dank der Quelle hatten sie sicher jeden Tag genug Magie und konnten wieder in Ruhe die Menschen im Hotel �rgern gehen.
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