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Sara Bisonni
Erzählungen für Jemanden
«Guten Morgen,
ich bin's. Zimmer 17 h�chst pers�nlich. Ich weiss, es ist ungew�hnlich, dass ein Zimmer berichtet, aber ich bin nicht irgendein Zimmer, sondern Zimmer 17! Ich werde nun von meinem Leben erz�hlen, also passen sie gut auf:
Am Anfang war ich ein junges unerfahrenes Spitalzimmer mit der Nummer 17. Ich liege im ersten Stock des Krankenhauses von Kingston, das geh�rt zu London (GB). Ich diente auf der sogenannten �W�chnerinnenstation�, das ist die Abteilung f�r Neugeborene und deren M�tter. Es war immer m�chtig viel los. Am Anfang st�rte mich das Gebr�ll und Gequengel der S�uglinge, aber mit der Zeit habe ich mich daran gew�hnt. Und wenn ich richtig �berlege, fehlte mir sp�ter der Geruch von vollen Windeln tats�chlich! Ich kann mich noch an meine ersten zwei Besucherinnen erinnern. Die Mutter hiess Mrs. Potter. Sie gebar am 6. 6. 1940 ihr erstes Kind, n�mlich ihre Tochter Anne Diana Potter. Das ist ein sehr sch�ner Name. Sie war ein besonderes Kind - nicht nur weil sie das erste Baby im Zimmer 17 war, auch weil sie ein richtiger �Goldschatz� war. Sie war ein sehr ruhiges Kind. Im ganzen Zimmer roch es nach Babypuder. Ich genoss diese Woche sehr! Nach der zufriedenen Familie Potter hatte ich noch sehr, sehr viele M�tter mit ihrem Nachwuchs zu Gast. Mit der Zeit bemerkte ich, dass die Tapete langsam abbl�tterte und dass sich die Farbe an der Decke l�ste. Ich wurde langsam, aber sicher �lter, und die Farbe mit mir. An einem Nachmittag irgendwann im Winter, ich glaube es war im Februar 1982, kam ein Architekt und schaute mich von links nach rechts, von oben bis unten an. Ich fand diese ganze Sache sehr merkw�rdig und kriegte die ganze Nacht kein Fenster zu! Nach etwa drei Wochen erfuhr ich von Zimmer 16 - das ist das Zimmer vis � vis von mir - dass es einen Umbau g�be! Ich bin zuerst furchtbar erschrocken. Zimmer 16 sagte noch, dass aus der Babyabteilung eine Station f�r alte Leute werde. Das heisst, in mir w�rden alte Leute wohnen, die Selbstgespr�che f�hren und immer das Gleiche erz�hlen weil sie nicht mehr wissen, dass sie etwas schon einmal erz�hlt haben. �tzend!
Seit einer Woche bin ich ein �Alterszimmer�. In diesem Altrosa sehe ich viel �lter aus! Stellen sie sich vor, sie haben mich altrosa gestrichen. Ich sehe so was von gr�sslich aus! Na ja, ich werde mich hoffentlich daran gew�hnen. Morgen wird eine alte, und sicher h�ssliche, stinkende und z�hneklappernde 86-j�hrige Mrs. Potter in mich einziehen.
Heute vor 56 Jahren wurde das erste Kind im Zimmer 17 geboren! Wie hiess das M�dchen noch mal? Ach ja, Anne Diana... Potter! Vielleicht ist es ihre Mutter? Wenn es ihre Mutter ist, kommt sie sicher heute auf Besuch, denn heute ist der 6. 6. 1996 - Annes Geburtstag! Sie wird 56 Jahre alt. Huch, ich bin auch nicht mehr das j�ngste Zimmer, aber ich bin immer noch Zimmer 17 und das werde ich immer sein! �Klopf, klopf!� Jetzt kommen sie. Ja, jaaa das ist sie, sie und ihre Mutter. Ich erkenne sie noch ganz genau! Sie wird mein erster �alter� Gast sein! �bergl�cklich schlief ich abends mit zugeklappten Fensterl�den ein, w�hrend die Potters noch Karten spielten.
Mrs. Potter war eine sehr nette und gespr�chige alte Dame und ihr Ged�chtnis war noch richtig gut! Bl�de Vorurteile! Alte Leute sind gar nicht schlimm, stinkend und launisch. Nein, sie sind sogar sehr unterhaltend. Ich gew�hnte mich schnell an den Geruch von Mottenkugeln und erschrak auch nicht mehr, wenn am Morgen auf dem Nachttisch ein Glas mit Z�hnen stand. Ich fand es auch nicht mehr eklig, wenn die Pflegerinnen Mrs. Potter die Z�hne putzten. Nein, dies ist mein neuer Alltag! Ich nehme an, dass ich ihn sp�ter einmal vermissen werde.

So, dies war mein Leben, Mrs. Potter. Und wie war ihr Leben? Ich sah zu Mrs. Potter. Sie lag zufrieden in ihrem Bett. Sie hatte sich mit meiner Lebensgeschichte in den Tod geh�rt. Dies ist auch mein Ende, dann der Bagger wartet vor dem Haus!»
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